Interview: Braucht Kleve noch Atomstrom?

Stadtwerkechef Rolf Hoffmann ist zwar kein Grüner, er setzt aber trotzdem auf regenerative Energien. Künftig möchte er stärker in Windkraft investieren,

Stadtwerkechef Rolf Hoffman. Foto: Thorsten Lindekamp / WAZ FotoPool
Kleve.

Interview mit Rolf Hoffmann, Chef der Stadtwerke in Kleve

Die Atomkatastrophe in Fukushima zwingt zum Umdenken. Der Einsatz erneuerbarer Energien ist auf dem Vormarsch, Deutschland will das Atomzeitalter beenden. Aber wie schnell kann das gehen? Und welchen Beitrag kann man vor Ort leisten? Ein Interview mit Kleves Stadtwerkechef Rolf Hoffmann.

Die Klever Stadtwerke haben ein grünes Image. Zeigt sich hier eine persönlich Überzeugung?

Rolf Hoffmann: Ich bin kein Grüner. Aber ich bin trotzdem ein überzeugter Anhänger regenerativer Energien. Nicht umsonst sind wir auf diesem Gebiet schon seit vielen Jahren aktiv. Unser Anteil an regenerativen Energien liegt zurzeit bei 33 Prozent. Damit liegen wir weit über dem Bundesdurchschnitt von 17 Prozent. Bei der Kernenergie sind wir mit einem Anteil von 19 Prozent unter dem deutschen Durchschnitt von 25 Prozent.
Seit vielen Jahren haben wir neben unserem „Normalstrom“, den 99 Prozent der Kunden nutzen, zwei Ökostromprodukte. Watergreen ist für Kunden, die sagen, „mein“ Strom soll aus Wasserkraft sein, und mit Energreen fördern wir den Ausbau der regenerativen Energien.

Für den Ausbau in Kleve?

Hoffmann: Wir investieren direkt vor Ort. Das heißt: Bürger, die dieses Produkt wählen, tragen dazu bei, dass wir in regenerative Energien investieren können, z.B. in die Photovoltaikanlage der Realschule. Das sind zurzeit 30 Privatkunden.

Warum sind Sie vom Ökostrom so überzeugt?

Hoffmann: Ich glaube, dass regenerative Energien alternativlos sind. Hierbei handelt es sich um eine globale Herausforderung. Wir werden das globale Energieproblem nicht von Kleve aus lösen können, aber wir können lokal handeln. Niemand weiß, wie es in Fukushima weiter geht. Aber schon heute steht fest: Die Umweltbelastungen, die wir den nachfolgenden Generationen hinterlassen, sind in der Geschichte beispiellos.

Volkswirtschaftlich ist etwa der Solarstrom nicht sinnvoll.

Hoffmann: Volkswirtschaftlich haben wir in der Tat ein Problem, da regenerative Energien zurzeit leider noch teuer sind. Es kann sein, dass wir vor dem Hintergrund der Ereignisse in Japan regenerative Energien steuerlich stärker fördern müssen, um einen forcierten Ausbau nicht ausschließlich über den Strompreis zu finanzieren. Ich stimme Wirtschaftminister Brüderle zu: Der Strompreis wird drastisch steigen. Das wird sich nicht jeder leisten können. In diesen Fällen müssen soziale Lösungen gefunden werden.

Warum muss der Strom denn teurer werden? Sie haben ausgeführt, dass die Stadtwerke Kleve einen hohen Anteil an regenerativen Energien haben, doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Trotzdem gehören Sie nicht zu den teuersten. Im Gegenteil, Sie können sich im Wettbewerb ja durchaus sehen lassen. Wie passt das zusammen?

Hoffmann: Wir haben ein Mischungsverhältnis von tatsächlich in Deutschland regenerativ erzeugtem Strom und einem Anteil von aus dem Ausland bezogenen Strom aus regenerativen Quellen. Zum Beispiel aus Norwegen. Die Nachfrage nach Wasserkraft ist in Deutschland sehr hoch, aber nur drei Prozent der in Deutschland erzeugten Energie basiert auf Wasserkraft. Das heißt, wir müssen auf das Ausland ausweichen. Aber es gibt im Moment einen Run auf diese Wasserkraftanlagen. Das wird sich preistreibend auswirken.

Haben Sie keine langfristigen Verträge abgeschlossen?

Hoffmann: Nein, hierbei handelt es sich um kurzfristige Verträge, in Form von Zertifizierungen. Dies ist durch den TÜV NORD testiert. Langfristig ist es sinnvoller, nicht den Strom aus Norwegen zu importieren, sondern lokal oder regional in den Ausbau regenerativer Quellen zu investieren.
Das bezieht sich auf den Ausbau der Photovoltaik?
Hoffmann: Ja. Auch im Bereich von Windkraftanlagen würden wir uns gerne stärker engagieren. Aber trotz der gegenwärtigen, emotionalen Diskussion wird es Widerstände geben. Wenn man ein Windrad plant, dann muss man sich vor Augen führen, dass diese Anlagen zukünftig eine Höhe von bis zu 200 Metern haben werden. Man kann sich vorstellen wie groß ein Einfamilienhaus daneben ist.

Wie viel Strom produziert denn so ein Windrad?

Hoffmann: Größere Anlagen erzeugen drei Megawatt. Dabei ist abzuwägen zwischen der Leistung der Anlage und der landschaftlichen Beeinträchtigung. Vereinfacht gesagt: Wenn man mit 20 Metern zusätzlicher Höhe nur 100 Kilowatt zusätzliche Leistung erzielen kann, sollte man die ganz große Höhe lassen.

Das wird zurzeit geprüft?

Hoffmann: Seit einigen Monaten gibt es Gespräche mit der Stadt Kleve. Diese Überlegungen gehen also nicht erst auf den Eindruck der jetzigen Ereignisse zurück. Das Gegenteil ist der Fall. Seit Fukushima haben wir unsere Werbung für den Ökostrom bewusst nicht verstärkt. Wir wollen die Katastrophe nicht zu Werbezwecken nutzen.

Für Windräder braucht man auch ausreichende Flächen. Gibt es diese?

Hoffmann: Dies liegt nicht in den Händen der Energieversorger. Hier handelt es sich um komplizierte Verfahren zwischen der Kommune und der Landes- bzw. Bezirksregierung.

Was kostet so eine Anlage?

Hoffmann: Eine 3 MW-Anlage kostet zwischen vier und fünf Millionen Euro.

Wie würde sich eine Windkraftanlage auf ihr Stromportfolio auswirken?

Hoffmann: Die Klever Leistungsspitze, also der Zeitpunkt in dem die Klever den meisten Strom nutzen, liegt im Winter bei 40 Megawatt. Das heißt, man könnte knapp zehn Prozent der Leistungsspitze abdecken.

Das ist enorm.

Hoffmann: Ja. Aber wir sind noch in einem sehr frühen Stadium und wir wissen noch nicht, ob wir ein Projekt realisieren werden.

Erfordert das auch einen Ausbau des lokalen Netzes?

Hoffmann: Solche Anlagen sind in das Mittelspannungsnetz zu integrieren. Diese Investition ist in dem genannten Betrag schon enthalten.

Glauben Sie, dass es durch den neuen Windkrafterlass jetzt eine größere Nachfrage nach Flächen geben wird?

Hoffmann: Davon ist auszugehen. Aufgrund der Subventionen in diesem Bereich sind derartige Projekte nicht nur für Energieversorger, die energiepolitische Ziele verfolgen, sondern auch für Investoren interessant.

Mit welcher Rendite kann man da rechnen?

Hoffmann: Teilweise werden zweistellige Renditen genannt. Dies kann ich nicht bestätigen. Die Renditen liegen eher im mittleren einstelligen Bereich.

Die Investition in eine Windkraftanlage ist langfristig. Werden Sie auch kurzfristig an der Strombörse mehr grünen Strom einkaufen?

Hoffmann: Für das Jahr 2011 ist unser Beschaffungsportfolio geschlossen. Das hat den Vorteil, dass wir, trotz gestiegener Strompreise, für 2011 keine Preiserhöhungen vornehmen müssen. Wir rechnen aber damit, dass sich ab 2012 die höheren Strompreise auch beim Kunden bemerkbar machen.

Wie wirkt sich das Abschalten der AKW jetzt aus?

Hoffmann: Es wurden jetzt sieben AKW vom Netz genommen. Hinzu kommt das bereits vorher vom Netz genommene, störanfällige Atomkraftwerk Krümmel. Es fehlen jetzt 7000 Megawatt Erzeugungskapazität. Bei 90 000 Megawatt gesicherter Kapazität ist das verkraftbar.

20 Prozent der in Deutschland erzeugten Energie wird gar nicht nachgefragt.

Hoffmann: In den 90 000 Megawatt Erzeugungskapazität sind rund 20 000 Megawatt
Kernenergiekapazität enthalten. Nur wenn wir die Energieeffizienz steigern, wie wir es z.B. im Bereich Contracting mit der Stadt praktizieren, um den Energieverbrauch zu senken, bräuchten wir diese Kapazität nicht.

Das ist also eine Kapazität, die nicht benötigt wird?

Hoffmann: Deutschland produziert zurzeit mehr Strom als verbraucht wird und exportiert den Überschuss von 20 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr. Zum Vergleich: Kleve braucht im Jahr 200 Millionen Kilowattstunden. Aber das ist nur eine verkürzte Wahrheit: Denn hierbei handelt es sich um den Außenhandelssaldo. Wir exportieren nämlich insgesamt 60 Milliarden Kilowattstunden, wir importieren aber auch 40 Milliarden Kilowattstunden.
Und das liegt daran, dass wir in Deutschland den Ausbau der regenerativen Quellen so stark gefördert haben. Wenn alle Kapazitäten am Netz sind, der Wind weht und die Sonne scheint, dann exportieren wir. Und wenn nicht alle Kapazitäten zur Verfügung stehen, der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, dann reicht die Kapazität nicht, dann importieren wir.

Wie wird die Entwicklung weitergehen. Schaffen wir es, in zehn Jahren von der Atomenergie wegzukommen?

Hoffmann: In dem Moment, in dem wir von der Erörterung in die Umsetzung übergehen, werden sich erhebliche Widerstände auftun. Sowohl an konkreten Projekten, wie Windrädern, oder Hochspannungstrassen als auch an der Frage, was der Bürger noch bezahlen kann.
Ich würde es mir wünschen, aber ich halte es für sehr schwierig, das innerhalb von zehn Jahren umzusetzen.

Die Zahl Ihrer Ökostromkunden ist erschreckend gering. Welches Marktpotenzial steckt in Kleve?

Hoffmann: Zurzeit haben 99 Prozent unserer Kunden Normalstrom. Diese Kunden wissen, dass hier bereits ein Drittel grüner Strom enthalten ist. Und zweitens zahlt jeder von ihnen bereits einen Aufschlag für die erneuerbaren Energien von 3,5 Cent. Gemessen an den finanziellen Möglichkeiten vieler Kunden, halte ich das Potenzial für überschaubar.

Zwei Euro Aufschlag für Wasserstrom im Monat sind aber auch nicht die Welt.

Hoffmann: Ich glaube, dass viele Kunden nicht wissen, dass wir diese Angebote machen. Viele kennen unser CleverStrom-Produkt. Die Kunden wissen vielleicht nicht, dass es CleverStrom auch in „grün“ gibt. Auch ist es unproblematisch im laufenden Vertrag vom „Normalstrom“ auf unseren grünen Strom zu wechseln. Ein Anruf genügt.

Dadurch verliert man nicht die Preisbindung von Cleverstrom?

Hoffmann: Der Kunde hat dann nach wie vor die Preissicherheit bis Dezember 2013. Es kommt nur der Aufschlag von zwei Euro pro Monat für den Strom aus Wasserkraft hinzu. Das möchten wir auch noch stärker in die Öffentlichkeit tragen. Wir werden unsere Produkte noch kundenfreundlicher kommunizieren. Schließlich haben wir mit Energreen ein Goldlabel-Produkt in unserem Hause, das viele nicht vorweisen können.

In NRW gibt es Stadtwerke, die ganz auf Atomstrom verzichten. Wäre das auch in Kleve möglich?

Hoffmann: Es gibt zwei Varianten: Es gibt Stadtwerke, die in der Tat komplett auf Regenerativstrom setzen, aber in den meisten Fällen funktioniert das nicht, da zurzeit die Erzeugungskapazitäten sehr begrenzt sind. Nur 16 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms stammt aus regenerativen Quellen. Ein großer Teil dieser Kapazitäten liegt in den Händen der Energiekonzerne. Also geht es oftmals nur über den Weg einer Zertifizierung.
Damit unterstützt man die Wasserkraft in Norwegen, der Schweiz und Österreich, aber nicht den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland.

Wie ist die Haltung der Klever zu regenerativen Energien?

Hoffmann: Die ist positiv. Der Anteil der privaten Investoren in Photovoltaikanlagen in Kleve ist hoch

Hintergrund

Der Ökostrom

Die Stadtwerke Kleve vermarkten bereits seit 2001 reinen Strom aus regenerativen Energien. Allerdings ist die Nachfrage sehr bescheiden. Der Aufschlag für den Ökostrom kostet 4 Cent je Kilowattstunde (netto) bei 100 Prozent Ökostrom. Der Kunde kann aber auch zwischen 75,  50 oder 25 Prozent Ökostrom wählen. Dementsprechend berechnet sich der Aufschlag. Der Wasserstrom ist für zwei Euro Aufschlag zu haben.

Das Interview führte ANDREAS GEBBINK, NRZ vom 08.04.2011

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